Der Verkehr der Zukunft

Von Prof. Dr. Kay W. Axhausen, Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme ETH Zürich

Die Bevölkerung wächst und immer mehr Menschen erheben Anspruch auf Wohlstand und Mobilität. Dadurch wird es immer enger und unangenehmer auf unseren Strassen. Elektrische und autonome Fahrzeuge versprechen Lösungen, die unsere Verkehrsinfrastruktur tiefgreifend verändern werden.

Seit Jahrzehnten wächst der Wohlstand in der Schweiz – wir sind es uns gewohnt, dass es uns immer besser geht und wir uns immer freier in der Welt bewegen können. In der Schweiz hat man in den letzten Jahrzehnten einen guten Teil des Wohlstands in immer umfangreichere Strassen- und Schienennetze investiert. Gleichzeitig haben sich die Menschen immer mehr, immer grössere und immer schnellere Fahrzeuge angeschafft. Mit diesen können sie sich nun mit relativ hoher Geschwindigkeit bewegen.

Der Wohlstand fordert das Verkehrssystem heraus

Doch der wachsende Wohlstand hat die Bevölkerung auch anspruchsvoller und ungeduldiger gemacht. Ungeduldig, weil man mit möglichst hoher Geschwindigkeit von A nach B kommen möchte, vor allem während der täglichen Hauptverkehrszeit. Und die Ansprüche beschränken sich nicht nur auf den Verkehr. Auch der Wohnraum soll möglichst ruhig, grün und bezahlbar sein. Ortsbild und Umwelt sollen vom Verkehr möglichst nicht gestört werden. Zum Einkaufen bewegt man sich zunehmend nicht mehr selbst in Geschäfte – stattdessen bringen die Post, DHL, UPS und andere Zusteller die wachsende Menge an Paketen und Lieferungen zu ihren Empfängern nach Hause.

Kurz: Die Anforderungen an die Verkehrsleistung werden immer grösser. Und mit dem erwarteten Bevölkerungszuwachs werden sie noch weiter steigen. Gleichzeitig hat sich die Schweiz, wie andere grosse Industrienationen, grosse Klimaziele gesetzt. Der CO2 – Ausstoss soll massiv reduziert werden, um die drohende Klimaveränderung abzuwenden. Dafür bedarf es eines tiefgreifenden Strukturwandels in der Energieversorgung.

Was kann das Verkehrssystem entlasten?

In diesem Zusammenhang erscheint Elektromobilität als die Lösung, um Mobilität und Wohlstand auch in Zukunft zu erhalten. Die Leistung des bestehenden Verkehrssystems verändert sie alleine jedoch nicht. Dafür bringt sie die bestehende Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur ins Wanken: Die Elektroautos lassen die Einnahmen aus der Mineralölsteuer versiegen, mit denen bisher Unterhalt und Ausbau des Verkehrssystems finanziert werden. Ausserdem erfüllen die Lösungen für den elektrischen Fahrzeugantrieb heute noch nicht die Anforderungen, die wir an Komfort und Reichweite haben.

Uber und andere so genannte «Transport Network Companies (TNC)» zeigen, wie positiv Menschen auf neue Mobilitätslösungen reagieren. Vergessen wird dabei jedoch leicht, dass die Nachfrage für diese Transportleistungen aktuell auf den dank Subventionen tiefen Preisen und der gleichzeitigen Erhöhung der Kapazitäten beruht. Sprich: Durch TNC gibt es nicht weniger, sondern mehr Fahrzeuge auf der Strasse. Und ohne Subventionen sind sie wahrscheinlich nicht überlebensfähig.

Auch Car-sharing-Lösungen tragen nicht zu einer Verkehrsentlastung bei, ermöglichen aber mehr Menschen den Zugang zu Fahrzeugen und ersetzen so oftmals den Zweitwagen in Haushalten und damit weitere Fahrzeugkilometer. Dies auch, weil die Car-sharing-Lösung erheblich weniger Aufwand bedeutet als der Unterhalt eines eigenen Fahrzeugs. Daraus entstehen die Wachstumschancen für diese Mobilitätslösung.

Die Physik des Verkehrs setzt Grenzen

Der wachsenden Nachfrage steht also ein nur sehr langsam wachsendes Angebot an Verkehrsinfrastruktur und -dienstleistungen gegenüber. Die bestehenden Netze und Dienstleistungen haben absolute Obergrenzen für ihre Leistungsfähigkeit. So kann ein Sitzplatz nur eine Person befördern, ein Meter Autobahn kann zu jedem Zeitpunkt nur von einem Auto befahren werden, ein Verkehrsknotenpunkt kann jeweils nur von einem Fahrrad gekreuzt werden. Dazu kommen die notwendigen Sicherheitsabstände zwischen den Fahrzeugen. Entsprechend müssen die Verkehrsteilnehmer die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegen, senken und gleichzeitig eine hohe Verkehrsdichte sowie Verschiebungen in den Tagesplänen akzeptieren. Solch stark ausgelastete Verkehrssysteme sind störungsanfällig – schon eine kleine Schwankung kann das System über seine Kapazitätsgrenzen bringen.

Ist der «Tech-Fix» die richtige Lösung?

Anforderungen und bestehende Lösungsansätze blockieren sich gegenseitig. In solchen Lagen beschwören Gesellschaften gerne den so genannten «Tech-Fix»: Eine neueTechnologie soll Probleme lösen, die von einer vorhergehenden Technologie verursacht wurden. Die Mobilitätsgeschichte ist ein einziger Tech-Fix. So lösten die Eisenbahn ab 1840, die elektrischen Trams ab 1870 und die Autos ab 1885 die Verkehrsprobleme der damaligen Zeit: die Langsamkeit und Kosten der Binnenschifffahrt, die fehlende Kraft der Pferde, den fehlenden Hafer für all die notwendigen Pferde. Gleichzeitig schaffte dieser Tech-Fix grosse Freiräume für die gesellschaftliche Entwicklung.

Autonome Fahrzeuge als nächster Meilenstein der Mobilitätsgeschichte

So ist es kein Wunder, dass auch heute wieder die meisten Beteiligten auf technologische Lösungen hoffen. Und so kann es umgangen werden, sich mit dem eigenen Beitrag zur Problemverursachung auseinanderzusetzen. Am Ende sind es immer wir Menschen unserem Verhalten, unseren Entscheidungen und unseren Ansprüchen, die die Verkehrsrealität zu dem machen, was sie ist. Wir könnten liebgewordene Gewohnheiten ändern und weniger am Verkehr teilnehmen. Oder durch Mautgebühren die Anzahl der Fahrzeuge auf den Strassen verringern. Wir können im Home-Office arbeiten, und so den Berufsverkehr entlasten.

Die Befürworter des aktuellen Tech-Fix erwarten neue Entwicklungschancen für die Gesellschaft. Der am meisten beschworene Trend sind die autonomen Fahrzeuge. Ob auf den Schienen, in der Luft oder auf der Strasse, von kleinen Drohnen bis hin zu automatischen LKWs – die autonomen Fahrzeuge haben einen elektrischen Motor.

Wann die ersten Fahrzeuge dieser Art in Verkehr sind, ist momentan noch unklar. Ab den 2030er-Jahren sollten die ersten marktreifen Beispiele jedoch in Nutzung sein. Den Verkehrsalltag, wie wir ihn heute kennen, werden sie in jedem Fall tiefgreifend verändern. Und sie werden vor allem auch die Verkehrsteilnahme derjenigen Menschen in unserer Gesellschaft fördern, die bisher davon ausgeschlossen sind: Kinder, ältere Menschen und solche ohne Führerschein. Die Gründe dafür sind, dass die autonomen Fahrzeuge günstiger im Betrieb sein werden als heutige Fahrzeuge. Ausserdem wird die Fahrt angenehmer, da man die Aufmerksamkeit eben nicht mehr derselben widmen muss.

Der Traum vom Fliegen

Neben den autonomen Fahrzeugen für den Personentransport gibt es noch weitere Visionen: fliegende Autos und unterirdischen Güterverkehr. Die Vorstellung, sich mit dem Auto aus der Garage direkt in die Luft zu schwingen ist abenteuerlich, aber unrealistisch. Denn es ist nicht klar, ob im verfügbaren Luftraum zwischen den Häusern und den Flugzeugen genügend Kapazität vorhanden ist, um grosse Mengen an Personen/Gütern zwischen den begrenzt verfügbaren Start- und Landepunkten zu befördern. Projekte für unterirdischen Gütertransport, wie das Schweizer Projekt «Cargo Sous Terrain» hingegen haben das Potenzial, für den schnell wachsenden Güterverkehr nachhaltig Kapazitäten und Lösungen zur Verfügung zu stellen. So können autonome Fahrzeuge dazu beitragen, den Personenverkehr von LKWs zu entlasten.

Der Tech-Fix autonome Fahrzeuge hat das Potenzial, die Kapazität der Strassennetze zu erhöhen. Gibt es mehr Strassenkapazitäten, sind höhere Geschwindigkeiten und Fahrleistungen möglich. So können sie die Nachfrage nach Verkehrsteilnahme und Geschwindigkeit bedienen und die Diskussion über Strassengebühren für einige Jahre verzögern. Langfristig vermeiden können sie diese jedoch nicht.

Autonome Fahrzeuge fordern die Gesellschaftsordnung heraus

Autonome Fahrzeuge, Bevölkerungswachstum und Wohlstandanspruch sind eine explosive Mischung. Sie stellen die bisherige Ordnung in Frage:

  • Besitz: Wem sollen die autonomen Fahrzeuge gehören und wer soll sie betreiben? Individuen, Car-sharing-Unternehmen oder Taxiunternehmen?
  • Infrastruktur: Soll die Benutzung von Strassen einen Preis bekommen? Und wenn ja, wer zahlt diesen? Oder sollen neue, unterirdische Strassen gebaut werden?
  • Öffentlicher Verkehr: Welche Rolle spielt dieser in Zukunft?
  • Öffentlicher Raum: Falls die AF wirklich weniger Parkraum brauchen, verbreitern wir die Strassen für die Fahrzeuge oder die Bürgersteige für die Fussgänger?
  • Gesellschaftliche Teilhabe: Wie verändert sich unser Leben, wenn mehr Menschen mobil sind?

Bisher haben wir die Verkehrsteilnehmer für sich entscheiden lassen. Ist dies mit autonomen Fahrzeugen noch möglich, oder braucht es viel klarere Vorgaben und Regularien? Um autonome Fahrzeuge Realität werden zu lassen, muss sich unsere bisherige Verkehrsorganisation grundlegend verändern. Die Frage ist: Wollen wir mit den Konsequenzen dieses Tech-Fix leben? Diese Entscheidung müssen wir heute treffen.

Share your Visions
#Window2TheFuture

Entdecken Sie, was andere darüber denken #Window2TheFuture

Investment Insights App


Möchten Sie bezüglich langfristiger Anlagetrends auf dem Laufenden gehalten werden? Dann probieren Sie doch die Investment Insights App aus, indem Sie auf den untenstehenden Button klicken, der Sie zum Probezugang berechtigt.

Bitte beachten Sie, dass abhängig von Ihrem Wohnsitz/Geschäftssitz und der jeweiligen Einheit von Julius Bär Beschränkungen bestehen können.

Google Analytics ist deaktiviert

OK

Bitte verwenden Sie eine neuere Browser-Version