Die Mobilität der Zukunft: Evolution oder Revolution?

Von Norbert Rücker, Leiter Macro & Commodities Research, Julius Bär

In der heutigen Welt ist Mobilität unabdingbar. Ob wir zur Arbeit pendeln, unsere Verwandten und Bekannten treffen oder dafür sorgen, dass unsere Supermärkte ein frisches Angebot bereithalten. Ohne Mobilität gibt es kein Wirtschaftswachstum, ohne Wirtschaftswachstum kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. In ihrer heutigen Form hat sich die Mobilität allerdings überlebt.

Das Verkehrswachstum bringt unsere Infrastruktur an ihre Grenzen. Staus und Stossverkehr belasten die Wirtschaft: Übermässig lange Arbeitswege beschränken den Zugang zum Arbeitsmarkt und die Produktivität von Fabriken leidet durch Verzögerungen bei der Zulieferung. Verkehr ist zudem für einen Grossteil der Luftverschmutzung in städtischen Ballungsgebieten verantwortlich und zählt zu den wesentlichen Ursachen des Klimawandels – zwei ökologische Herausforderungen, die die politische Agenda massgeblich prägen.

Wir stehen am Anfang eines neuen Mobilitätszeitalters. Elektroautos werden immer beliebter, im Silicon Valley konkretisiert sich die Idee der autonomen Fahrzeuge zur Realität. Elektrofahrzeuge stehen kurz vor dem Durchbruch im Massenmarkt. Die Energiedichte der Batterien und die Reichweiten bis zur nächsten Ladung steigen dank des technologischen Fortschritts, ebenso wird der Alltagsbetrieb komfortabler. Bei den meisten Benutzern verfliegen die Ängste, unterwegs «liegenzubleiben», sobald die Reichweite mehr als 300 Kilometer beträgt, wie ein führender Automobilhersteller sagt. In den nächsten Jahren dürfte eine Welle neuer Elektroautomodelle mit vergleichbaren Reichweiten auf den Markt kommen. Für die Käufer bedeutet dies mehr Auswahl und höheren Komfort, ohne dass sie auf einen weiteren Durchbruch bei der Batterietechnologie warten müssten. Wer regelmässig lange Strecken zu bewältigen hat, ist mit einem Elektroauto allerdings (noch) nicht gut bedient. Folgerichtig sollte sich der Massenmarkt Segment für Segment entwickeln.

Zusätzliche Optionen durch neue Dienstleistungen

Die Entwicklung der Technologie ist aber nicht der einzige Trend, den es zu verfolgen gilt. Die Weltbevölkerung wächst, und die Menschen werden reicher. Vor allem in Asien steigt die Nachfrage nach Verkehrsmitteln. China ist der weltweit grösste Markt für Fahrzeuge. Die Welt verstädtert. In den Städten verkehren weniger Autos, da eine dichte Bevölkerung mit einem öffentlichen Verkehrsangebot besser bedient ist. In den Metropolen Asiens sind Privatautos bereits ebenso verbreitet wie in den westlichen Ländern. Das Goldene Zeitalter des Automobilvertriebs dürfte sich einem baldigen Ende zuneigen, da die Verstädterung und der demografische Wandel in China den Vermögenseffekt zum Teil kompensieren. Zudem verdrängt das Teilen von Gütern tendenziell den Besitz. Dienstleistungen wie Mitfahrgelegenheiten oder die gemeinsame Nutzung von Velos in Bike-Sharing-Programmen haben tiefgreifende Auswirkungen. Veränderungen in der Einstellung der Verkehrsteilnehmer zur Mobilität sind die Folge, das Bewusstsein für Mobilitätsbedarf und Mobilitätskosten erweitert sich ebenso wie das Angebot.

Es gibt viele mögliche Wege in die Zukunft. Die oben dargestellten Trends könnten sich evolutionär entwickeln. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass Elektroautos, selbstfahrende Fahrzeuge und Mobilitätsangebote eine selbstverstärkenden, disruptiven Effekt auslösen und zu einer Mobilitätsrevolution führen. Elektroautos und selbstfahrende (autonome) Fahrzeuge sind komplementäre Technologien. Die Einführung bezahlbarer und bequemer Mobilitätsdienstleistungen könnte sich entlang der vielzitierten S-Kurve entwickeln und durch den Trend, Güter zu teilen statt zu besitzen, zusätzlich verstärkt werden. Es gibt kaum eine Vision, die so klar, einvernehmlich und unbestritten ist wie die eines anbrechenden Zeitalters der elektrischen, autonomen und gemeinsam genutzten Fahrzeuge. Ob sich das Leistungsversprechen selbstfahrender Autos jedoch realisiert, hängt vom politischen Willen ab. Elektrofahrzeuge sind eine Lösung für das Umweltverschmutzungsproblem, selbstfahrende Fahrzeuge können Staus und Stossverkehr mindern. Die Nachfrage nach Mobilität steigt, je bezahlbarer das Angebot wird. Die Lösung des Stauproblems und die Sicherstellung des Verkehrsflusses hängen zum Teil auch davon ab, ob sich die Politik eindeutig für gemeinsam genutzte, autonome Fahrzeuge anstatt für von Menschen gelenkte Privatfahrzeuge ausspricht.

Gewinner und Verlierer: Tech-Unternehmen gegen Automobilbauer?

Diese einschneidende Umwälzung dürfte grosse Verschiebungen der Wertschöpfungs-Pools nach sich ziehen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt. Autos stellen nicht nur für Automobilbauer, sondern auch für viele andere Branchen ein Auskommen dar. Wir nutzen Tankstellen, lassen unser Auto regelmässig in einer Werkstatt warten und zahlen Versicherungsbeiträge. Die Auto-Zulieferer dürften mit am meisten von einer Neuordnung profitieren. Der Bau von Hybridfahrzeugen, die Elektromotoren mit Verbrennungsmotoren kombinieren, ist der populärste Weg, um den immer stringenteren Auflagen für Abgase und Treibstoffeffizienz gerecht zu werden. Die entsprechenden Bauteile stammen von Auto-Zulieferern. Die Technologiebranche dürfte über eine besonders gute Ausgangsposition verfügen, da die Elektromobilität und die selbstfahrenden Fahrzeuge den Einsatz von Elektronik begünstigen. Für die Automobilbauer gestaltet sich die Zukunft dagegen eher bedrohlich. Elektromobilität nivelliert den Markt und neue Anbieter sorgen für mehr Konkurrenz. Um an der Spitze zu bleiben, sind signifikante Technologie-Investitionen erforderlich, die eine solide Finanzlage und Zugang zu Kapital voraussetzen. Der Motorisierungsgrad der Privathaushalte dürfte zurückgehen und der Absatz von Automobilen seinen Höhepunkt überschreiten, wenn gemeinsam genutzte, autonome Fahrzeuge auf breiter Front zum Einsatz kommen. Dieses revolutionäre Szenario würde die Automobilbauer zu einer komplexen Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells zwingen: Anstatt Autos würden sie in Zukunft Mobilitätsdienstleistungen anbieten.

Die Nachfrage nach Erdöl könnte 2035 ihren Höhepunkt erreicht haben, da die Zukunft des Verbrennungsmotors in Frage gestellt ist. Ungefähr die Hälfte des gesamten Erdölverbrauchs fällt für den Strassenverkehr an. Mit dem Anstieg der Treibstoffeffizienz und dem zunehmenden Einsatz von Elektroautos verringert sich dieser Anteil deutlich. Dennoch dürfte das Energiegeschäft weniger gefährdet sein, als landläufig angenommen. Die Ölfirmen halten signifikante Beteiligungen an Erdgas- und Chemieunternehmen. In diesen beiden Märkten dürfte die Nachfrage langfristig weiterwachsen. Mit der Schiefergas-Revolution stehen reichliche und bezahlbare Erdgasangebote zur Verfügung. Gleichzeitig dürften die Auswirkungen auf den Elektrizitätsverbrauch überschätzt werden. Elektroautos steigern den Elektrizitätsverbrauch der Haushalte um rund 50%. Der Verbrauch der Haushalte selbst lässt sich auf rund einen Drittel des gesamten Elektrizitätsverbrauchs beziffern. Selbst bei einer sehr optimistischen Betrachtung der Absatzmöglichkeiten für Elektroautos lässt sich die gesamte Fahrzeugflotte im Strassenverkehr nicht über Nacht durch solche Fahrzeuge ersetzen. Saubere Energieträger wie Wind und Sonne werden wirtschaftlich und tragen zu einer grossflächigen Elektrizitätsversorgung bei, die der schrittweise ansteigenden Nachfrage mehr als genügen dürfte. Für die Versorger sind saubere Energieträger wohl eher eine Gefahr als die Elektro-Mobilität.

Beiträge an eine nachhaltige Zukunft

Die weiterreichenden Auswirkungen dürften noch grösser sein. Die Mobilität der Zukunft gestaltet sich sauber und bezahlbar. Private Haushalte, die weniger für Mobilität aufwenden müssen, verfügen über mehr Mittel für andere Ausgaben. Dies wirkt sich insgesamt positiv auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aus. Mit den autonomen Fahrzeugen wird Mobilität für alle zugänglich. Distanzen verkürzen sich, die soziale Interaktion nimmt zu. Der urbane Raum könnte eine Neugestaltung erfahren. Autonome Fahrzeugflotten benötigen keine Strassenparkplätze. Dieser Raum lässt sich somit umnutzen. Die Mittel zur Strassenfinanzierung versiegen, da der rückläufige Treibstoffverbrauch auch weniger Mineralölsteuern einbringt. Der einzig gangbare Weg besteht in nutzungsbezogenen Abgaben (Mobility Pricing). Politisch ist dies jedoch ein heisses Eisen. Wer sein Auto zuhause auflädt, womöglich noch mit Sonnenenergie aus den eigenen Dach-Panels, ist auch Teil einer grösseren Bewegung: Energie wird demokratisiert. Die Energienutzung verlagert sich von Energiequellen zu Technologien, von Handel zur Selbstversorgung, von Gross zu Klein. Die Folge ist eine geopolitische Machtverschiebung. Vor allem aber tragen wir als Konsumenten, Bürger und Investoren dazu bei, die Mobilitätszukunft für unsere Nachfahren nachhaltig zu gestalten.

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